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HAGEN_Wappen

 Hagen - Lokalkolorit und Historisches

  Auszüge aus aktuellen und historischen Texten 

Meine lieben Hagener!

Wenn Ihr mich auf dem langen Weg durch die Hagener Vergangenheit ein Stück begleiten wollt, dann bitte ich um Verständnis, wenn wir an allem Geschehen schnell vorbeigehen, denn zu Erklärungen und Erläuterungen haben wir in diesem Beitrag keine oder nur sehr wenig Zeit.

Auf dem großen Findling mit dem Hagener Wappen steht die Zahl 1130, es ist die Jahreszahl, mit der die Vergangenheitsgeschichte zum erstenmal unser Dorf Hagen erwähnt. Und doch kann es nicht das Geburtsjahr unseres Dorfes sein. Denn wenn in diesem Jahr der Erzbischof von Bremen drei Bauernhöfe und die Hagenermühle an das Georgenkloster in Stade verschenkt hat, so müssen diese Betriebe ja schon dagewesen sein. Die erwähnte Mühle ist nicht die jetzige Hagenermühle, sondern die damalige lag am Steinbeck und zwar am Westrand vom Imbusch. Die jetzige Hagenermühle hat der Abt vom Marienkloster zu Stade erst im Jahre 1499 angefangen zu bauen. In dieser alten Zeit hatte jede Mühle einen Mahlbezirk. Die Bewohner dieses Bezirks durften nur auf dieser Mühle mahlen lassen, man nannte dies Mahlzwang.

Vor der Verkoppelung besaßen die Bauern nur die Hofstelle mit Garten, Acker und Wiesen waren Sondergut; dagegen waren Heide und Weide Gemeingut, an welchem jeder ein bestimmtes Nutzungsrecht hatte. Mehrfach kam es vor, dass ein Gebiet zwischen einem und mehreren Orten Gemeinbesitz aller Orte war, in diesem Falle hieß dieses Gebiet Mark und diejenigen, die in derselben ein Nutzungsrecht hatten, hießen Markgenossen.

Dass auch schon in alter Zeit in und um Hagen Menschen gelebt und auch wohl gewohnt, haben, davon zeugen die vielen Hünengräber, davon habe ich noch 14 gekannt. Leider ist nur noch eines erhalten geblieben und zwar der Goldberg und auch diese Grabstätte wäre längst der Kultur zum Opfer gefallen, wenn diese nicht als Vermessungspunkt staatlich geschützt wäre! In der neuen Siedlung war auch eine solche Grabstätte, diese Stelle will ja der Geschichts- und Heimatverein durch die Aufstellung der großen Findlinge, die da schon hingebracht wurden, der Nachwelt erhalten.

Die Häuser in alter Zeit wurden in Fachwerk ohne Steine gebaut und dieses Fachwerk wurde dann gewellert, dass heißt, Holzstangen wurden mit Stroh umwickelt und mit Lehm beschmier und damit das Fachwerk ausgefüllt und dicht gemacht. Nicht immer hatte die gute Stube (Dönns) Holzfußboden, meistens war der Fußboden aus Lehm und wurde anstatt mit einem Teppich zu belegen mit weißem Sand bestreut. Menschen und Vieh wohnten alle in einem Haus. Diese Gemeinschaftsunterkunft gab es auch noch in den späteren Niedersächsischen Bauernhäusern. Bei diesen Häusern waren am Anfang auch noch viele Wände aus Lehm und Stroh. Abgedeckt waren beide Häuser mit Stroh und Schilf. Die Wände der Scheunen und Schuppen wurden meistens nach außen mit geflochtenem Busch dicht gemacht. Ziegelsteine waren damals noch sehr knapp, weil sie in Handarbeit hergestellt wurden und zwar von Leuten aus Lippe Detmold, die jeden Sommer zu den Ziegeleien, die sich hauptsächlich des Lehmes wegen in der Marsch befanden, angereist kamen, man nannte diese Leute die "Lippjer". Die ersten beiden massiven Häuser in Hagen wurden von der Hagenermühle gebaut und zwar an der Straße "Zur Mühle" hinter dem Goldbergweg. Diese beiden Häuser hießen im Volksmund lange Zeit, und alt eingesessene Hagener nennen sie auch heute noch "De neen Hüs".

In den Jahren von 1843 bis 1858 wurde eine Neueinteilung der Hagener Flur bzw. Feldmark durchgeführt und diese in einem Verkoppelungsrezess niedergeschrieben. Zur Zeit der Verkoppelung gab es in Hagen 4 Vollhöfe, 3 Halbhöfe, 4 Köthner, 3 Anbauer sowie die Schule und die Hagenermühle, letztere hatte damals einen Grundbesitz von 9.5 ha. Die Vollhöfner, die Halbhöfner und die Köthner waren damals noch Meyerpflichtig an der Königlichen Domänen Kammer, wogegen die Anbauer Gutsherrnfrei waren.

Die Grundlage jeglicher Viehhaltung waren damals die Wiesen, Die Ackerflächen waren wenig und brachten sehr schlechte Erträge. Künstlichen Dünger gab es noch nicht. Die größte Fläche der Feldmark lag in Heide und wurde von den Schafherden, die jeder Bauer hatte, beweidet, aber auch mit der Heilee geschlagen und als Streu in den Ställen verwendet.

Das Dorfgemeinschaftsleben war damals vorbildlich: War eine Frau Mutter geworden, brachten die Nachbarn ihr Hühnersuppe, damit sie sich wieder schnell erholen konnte. Ich will damit aber nicht sagen, dass dieses ein Anreiz gewesen ist, recht oft Mutter zu werden, denn in damaliger Zeit gab es Familien, die sehr kinderreich waren. Wohl nicht so sehr deshalb, weil es noch keine Verhütungsmittel gegeben hat, sondern weil in der Landwirtschaft viele Arbeitskräfte gebraucht wurden, denn Maschinen gab es noch nicht, auch kein Auto, noch nicht mal ein Fahrrad. Das erste Fahrrad in weiter Umgebung hat sich der Müller Steffens von der Deinster Mühle gekauft, es hatte vorne ein sehr großes und hinten ein kleines Rad. Wenn einer ein Gebäude neu errichten wollte, half das ganze Dorf mit Pferd und Wagen, um die Baumaterialien kostenlos anzufahren. Das Geld war sehr knapp und so wurde auch die Bekleidung aus selbstangebauten Erzeugnissen, wie Hanf und Lein (Flachs) gesponnen, gewebt und verarbeitet. Wenn ein Schneider, der zu den Leuten ins Haus kam, einen Anzug nähte, so nahm er dafür an Arbeitslohn 3 RM.

Im Jahre 1870 sind durch einen großen Brand viele Gebäude vernichtet worden. Hagen hatte damals noch keine Feuerwehr, jeder Hausbesitzer war wohl verpflichtet, einen Ledereimer und Feuerhaken bereit zu halten, aber bei all den Strohdächern war diese Ausrüstung weniger als ein Tropfen auf den Stein. Erst im Jahre 1901 bekam Hagen eine Handdruckspritze und alle männlichen Bürger im Alter von 18 -65 Jahren waren verpflichtet, sich am Feuerschutz zu beteiligen, man nannte diese Verfügung "Pflichtfeuerwehr". Über sechs Jahre bin ich noch Hauptmann dieser Wehr gewesen, bis wir dann im 1934 die Freiwillige Feuerwehr gegründet haben, die ich bis 1954 als Brandmeister geführt habe und nie kann und werde ich all die lieben Kameraden vergessen, die der Krieg uns genommen hat.

Als im Jahre 1897 die Bundesbahnstrecke von Stade nach Bremerhaven gebaut wurde, sollte Hagen einen Bahnhof bekommen. Aber die Hagener müssen damals wohl nicht alle Tassen im Schrank gehabt haben, denn sie wollten den Bahnhof nicht und keiner hat sich darüber wohl mehr gefreut, als die Gemeinde Deinste, die ihn bekommen hat.

Durch die Geldknappheit, wie auch durch die Kriege mit all ihren Begleiterscheinungen blieb für die Gemeinde und ihre Belange nicht viel übrig. So waren denn auch Straßen und Wege in einem trostlosen Urzustand liegengeblieben. Aber auch in besseren Zeiten hatte man sich schon so an den Zustand gewöhnt, dass man dagegen nichts tat.

Es lag weniger am Bürgermeister, sondern im Gemeinderat saßen Männer, die keinen Willen und keinen Mut hatten. Die Bürgermeister, die vor allem im letzten Weltkrieg und in den Jahren danach unser Dorf geführt haben, haben es sehr schwer gehabt. Allen voran unser Altbürgermeister Claus Hinck, der unser aller Dank verdient hat. Nur wer diese Zeit mitgemacht und miterlebt hat, kann sich davon noch eine Vorstellung machen.

Oder kann man sich vorstellen: Wir wollten eine Kapelle bauen und hatten schon ein Bauernhaus auf Abbruch in Westersode gekauft. Der damalige Gemeinderat hat persönlich daselbst das ganze Fachwerkholz ausgebaut und hergefahren. Und als dann Johann Robohm einen Teil seiner Scheune abriss, meinten wir, dieses Fachwerk wäre noch besser und haben es mit dem aus Westersode umgetauscht. Auch das Reet zu dem Dach hatten wir schon gekauft. Aber dann kamen von vielen Seiten Bedenken, ob es ratsam wäre, in einem Wald mit viel Schatten und vielen Vögeln ein Gebäude mit Reetdach zu bauen. Und so haben wir denn wieder alles umgeschmissen und in neuem Fachwerk und Ziegeldach gebaut. Weil damals noch keine Gemeinde eine Kapelle hatte, konnte uns deshalb auch keiner einen Rat geben, und so mussten wir bald feststellen, dass unsere Kapelle zu klein war. Bevor wir zu Stade kamen, hatten wir schon den Erweiterungsbau und die Finanzierung beschlossen, die dann Stade durchgeführt hat.

Das Feuerwehrgerätehaus war früher nur ein kleines Häuschen, worin man nur mit Mühe die Handdruckspritze unterbringen konnte.  Wir haben es abgerissen und neu gebaut und auch leistungsfähige Geräte angeschafft. Die erste Motorspritze war ein Geschenk des früheren Kreisbrandmeisters Heyderich, die er beim Einzug der Engländer auf dem Fliegerhorst sichergestellt hatte. Heinrich Prigge und ich haben dann noch unter dem Kanonendonner der anrückenden Engländer einige hundert Meter C Schläuche aus den Kasernen geholt, die B Schläuche hatten schon die Helmster in Besitz genommen. Doch die Engländer, die von einem Deutschen erfuhren, wo die Schläuche waren, haben uns die meisten wieder weggeholt, haben sie auf dem Flugplatz hingeschmissen und dort verrotten lassen.

Die erste Ortsbeleuchtung, die wir in Gemeinschaftsarbeit gebaut haben, bestand aus einer Lampe, und wir waren sehr stolz auf unser Werk, wo doch noch keine andere Gemeinde eine Lampe hatte. Das hat uns so viel Mut gegeben, so dass wir bis zur Eingemeindung ungefähr 40 Lampen in gemeinsamer Arbeit ohne Lohn gebaut haben. Einmal, als wir so mit 70 bis 80 Mann dabei waren, einen Kabelgraben auszuheben, kam ein Herr aus Hamburg da mit seinem Wagen vorbei und fragte mich nach dem Tun all dieser Leute. Ich sagte, die bauten freiwillig und ohne Lohn in Gemeinschaftsarbeit unsere Ortsbeleuchtung. Er sagte, so was hätte er noch nie gesehen, ich sagte, dass könne er auch nirgends sehen, denn das gäbe es nur in Hagen. Auch die Wasserversorgung und die Aufstellung der Hydranten fällt in diese Zeit. Die Gemeinde hat in der Zeit auch das Wappen bekommen. Es ist ein Wasser-Mühlenrad, weil eben diese Mühlen in der Hagener Geschichte einen großen Platz eingenommen haben. Aber die meiste Arbeit und auch das meiste Geld haben die 13 km neue Straßen gefordert, die in meiner Zeit als Bürgermeister gebaut worden sind. Es gab bis zur Eingemeindung nach Stade nicht einen Meter Straße, der nicht neu gebaut oder zumindest mit einer neuen Decke versehen wurde.

Aber auch der Neubau der Schule hat die Gemeinde viel Geld gekostet, doch an der Jugend darf man nicht sparen! Doch bei alledem gab es noch Männer und Frauen, die noch mehr Dorfgemeinschaft wollten. Ich denke dabei an die Gründer vom Schützenverein, an den Sportverein, die Jugendgruppen, den Kinderspielkreis und den Altenkreis, die doch alle Diener einer großen und schönen Gemeinschaft sind. Ich glaube, dass alle, die an diesem Geschehen mitgeholfen, ihrem Leben einen guten Inhalt gegeben haben. Denn nur durch die Mitarbeit aller Bürger war es möglich, bei der Aktion "Unser Dorf soll schöner werden", die dreimal im Kreis Stade durchgeführt wurde, einmal den 5. Preis, einmal den 3. Preis und einmal den 1. Preis zu bekommen und damit zum schönsten Dorf im Kreise Stade erklärt zu werden.

Wenn bei der Entscheidung über die Eingemeindung unserer Gemeinde entweder nach Fredenbeck, wohin die Reform uns haben wollte, oder ob wir Stader Bürger werden wollten, sich die Gemüter damals ziemlich erhitzt haben, so glaube ich, sind wir uns heute wohl alle einig, trotz aller Liebe zu Fredenbeck, Stader zu sein. Denn zwischen Verwaltung und Einwohnern ist ein so schönes Verhältnis entstanden, wie es besser wohl nicht sein kann. Wäre es anders gekommen, mein lieber Klaus Lemmermann, wo wärst Du geblieben! Also haben wir alle wohl guten Grund, uns zu freuen, in der schönen Ortschaft Hagen, der Vorstadt von Stade, zu wohnen und zu leben. Allen unseren Neubürgern wünsche ich, sich hineinzuleben in unsere Gemeinschaft, damit sie sich mit uns freuen können und damit sie unsere Heimat auch als ihre Heimat liebgewinnen.

Ich wünsche es von ganzem Herzen!

                                                                               Euer Klaus Lemmermann
                                                                               Ehrenbürgermeister
                                                                               im Dezember 1978

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